Letzte Aktualisierung:
07. 11. 2017

 

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„Frauen sammeln ganz anders“

Christine Hennings aus Wiesmoor hat sich der Philatelie verschrieben

WIESMOOR - Am Anfang stand eine Provokation. Christine Hennings klingt der Satz heute noch deutlich in den Ohren, obwohl das Ereignis 27 Jahre zurückliegt. „Das schaffst du nie“, musste sich die Wiesmoorer Philatelistin anhören – von männlichen Hobbykollegen, die wie sie an einer Ausstellung des Briefmarkenvereins in Bremen teilnahmen. Gemeint war der Versuch, Kriegsgefangenen- und Interniertenpost von Frauen aus dem Zweiten Weltkrieg zu sammeln. Christine Hennings hatte den Gedanken, dass es auch weibliche Internierte gab, in die Diskussion eingebracht.

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Christine Hennings widmet sich dem Sammeln von Kriegsgefangenenpost weiblicher Internierter aus dem Zweiten Weltkrieg. (Foto: W. Kuhlmann)

Allen war klar, dass nur wenig Material existierte. „Da packte mich der Ehrgeiz“, berichtete die 65-Jährige. 1987 fing sie an – mit einem Grundstock von acht Postkarten und Briefen. Mittlerweile hat sich die Sammlung vervielfacht. Alle Exponate stecken in Klarsichthüllen. Unterhalb des Ausstellungsstücks steht die sogenannte Dokumentation. Das ist ein Text mit Angaben zum Absender, Empfänger und dem Ort, an dem der Brief aufgegeben wurde. Diese Zeilen recherchiert jeder Sammler selbst. Schließlich fließt diese Information in die Bewertung ein, die eine Jury bei Wettbewerbsausstellungen vornimmt. Die Wahl-Ostfriesin, die in Essen aufgewachsen ist, hat mit Stücken ihrer Sammlung bereits einige Medaillen errungen. Ein Verdienst, der ihr nicht so wichtig ist. Die Jagd nach Trophäen sei „Männergedöns“, so ihre Überzeugung. „Frauen sammeln anders“, lautet deshalb die Schlussfolgerung.

Eine Erklärung hat die gelernte System-Administratorin auch auf Lager. Das weibliche Geschlecht konzentriere sich mehr auf die Optik der Briefmarken. Das sei die Richtschnur beim Ankauf und Erwerb. „Männer hingegen haben immer das Dollarzeichen im Auge“, hebt Christine Hennings ab auf den materiellen Aspekt des Hobbys.

Weil die geschlechtsbezogenen Unterschiede in den Augen der Wiesmoorer gravierend sind, hat die Computerspezialistin Konsequenzen gezogen: Vor zwei Jahren trat sie dem Verein „Frau und Philatelie“ bei. Der hat seinen Sitz im niederrheinischen Viersen, versammelt aber in seinen Reihen Mitglieder aus ganz Europa. Ein Ziel des Zusammenschlusses ist es, bedeutende Frauen zum Briefmarkenmotiv zu machen. Es gebe so viele Wissenschaftlerinnen, Schriftstellerinnen oder Künstlerinnen, die es wert wären, eine philatelistische Würdigung zu erfahren, findet Christine Hennings. Froh ist die engagierte Frau darüber, dass es in einer Publikation des Briefmarkenvereins eine Serie gibt, in der Frauen porträtiert werden, „die es auf eine Briefmarke geschafft haben“. Dafür sei viel Öffentlichkeitsarbeit erforderlich, sagte die Schatzmeisterin des Nordwestdeutschen Philatelistenverbands Elbe-Weser-Ems.

Die steht am 7. bis 10. Mai in Essen wieder bevor. Bei der dortigen Messe ist auch der 52 Mitglieder starke Verein „Frau und Philatelie“ vertreten. Ein weiteres, sehr großes Projekt liegt 2016 an: Dann möchte Christine Hennings den Landesverbandstag nach Wiesmoor holen.

GABRIELE BOSCHBACH

Quelle: OSTFRIESEN-ZEITUNG 23. APRIL 2014