Letzte Aktualisierung:
05. 06. 2017

 

Top 150 Briefmarken

 

Frau und Philatelie – Ein Widerspruch?

Ursprünglich diente das Sammeln vor allem der Beschaffung von Nahrung. Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat es sich mehr und mehr auf wertvolle Gegenstände verlagert und lag vorwiegend in den Händen der Männer. Psychologischer Hintergrund waren Reichtum, Macht und Selbstdarstellung durch vorzeigbaren Besitz.

Heute heißt es in einem Werbespot: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“. Die Zeiten wo „Mann“ noch mit stolz geschwellter Brust gesagt hätte: „...und meine Briefmarkensammlung" gehören leider der Vergangenheit an.

Eine große Anzahl von deutschen Sammlervereinen gibt es schon seit vielen Jahren. Die in ihnen organisierten Männer blieben unter sich, Frauen suchte man vergebens. Das Interesse der Männer, die Frauen in das Vereinsleben miteinzubeziehen, war gering. Frauen sammelten mehr für sich oder die Kinder. Die Versorgung von Mann, Kindern und Haushalt und das alles ohne heutige Hilfsmittel, da blieb keine Zeit für die Philatelie. Ins Tauschlokal? Und noch am Abend? Unmöglich.

Bis in die 70er-Jahre bestimmte „Mann“ sogar, ob seine Frau sich eine Arbeit suchen durfte. Erst als dieser Paragraph aus dem Gesetzbuch verschwand, sich die Frauen freier fühlten, setzte ein „Andersdenken“ bei den Frauen ein. Erste Frauen gründeten Geschäfte, fingen an, sich mit auf Speichern und Kellern gefundenen Markenalben vom Vater oder Großvater zu beschäftigen. Was für interessante Dinge fand „Frau“ dort! Zeitgeschichte der Welt, des eigenen Landes, alles in Form eines kleinen Papierschnipselchens mit kleinen Kunstwerken.

Im Laufe der Jahre wurden erste Versuche gestartet, um Frauen als Sammlerinnen zu gewinnen, in Vereine zu integrieren und letztendlich auch dem BDPh zuzuführen.

1977 wurde der erste „reine“ Frauenverein in Berlin und 1986 der Verein „Frau und Philatelie“ in Oldenburg gegründet. Im Berliner Verein starteten die Sammlerinnen zunächst mit großem Erfolg als Ausstellerinnen. Vor ungefähr drei Jahren wurden die Aktivitäten jedoch eingestellt und der Verein aufgelöst.

Möchte sich „Frau“ organisieren, wird zu heutiger Zeit erst einmal das Internet durchstöbert. Auf der Seite des BDPh sind bundesweit alle Vereine aufgelistet. Was ist mir lieber: ein Verein in meiner Nähe, der zu 90 Prozent aus Männern besteht oder eventuell doch ein reiner Frauenverein? Im Verein „Frau und Philatelie“ legt „Frau“ Wert auf Tausch, das Miteinander und das Aufzeigen, wie lehrreich und entspannend das Hobby „Briefmarkensammeln“ sein kann. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr versierte Ausstellerinnen aber auch Anfängerinnen dazu.

Laut Info der Post sind viele Frauen Briefmarkenabonnentinnen, hier gab und gibt es viel zu tun, um diese zu erreichen und in Vereine zu integrieren.

Es folgten viele Aktivitäten, von der Wahl der ersten Frau nach über 50 Jahren in den BDPh-Vorstand bis zu einem Fernsehauftritt. Die Fachpresse in den Niederlanden und Österreich sowie eine Reihe von Regionalzeitungen berichteten darüber.

Nun besteht „Frau und Philatelie“ als einziger Frauenverein in Europa seit über 25 Jahren und ist kein bisschen arbeitsmüde, wenn es um die Frauen in der Philatelie und die Jugend geht.

Was gibt es im Verein für tolle Sammlerfrauen: Unsere selbstgestaltete Homepage wurde auf der IPHLA in Mainz mit Gold und Ehrenpreis ausgezeichnet. Aus unseren Reihen kam die erste Redakteurin für das Landesverbandsheft, Frau Anne-Marit Strandborg. Frau Helma Janssen ist die 2. Vorsitzende bei „Frau und Philatelie“ und seit über 10 Jahren die erste Frau im Bundesvorstand des BDPH. Frau Dr. Iris Ruhl beschäftigt sich mit Biographien von Frauen auf Briefmarken. Sie hat zwei Lose-Blatt-Kataloge erstellt (produziert), und diese wurden auf der LIPSIA in Leipzig und der IBRA/NAPOSTA mit gutem Erfolg ausgestellt.

Die Sammelgebiete unserer Mitglieder sind breit gefächert und zeugen von großem Interesse und Wissensdurst. Aus den Tauschkontakten untereinander haben sich mit den Jahren auch Freundschaften gebildet, die über die Philatelie hinausgehen. Das Miteinander zählt – nicht der Wertgedanke, die Ehrlichkeit – nicht das Misstrauen. Frauen kommunizieren anders, Hilfsbereitschaft wird groß geschrieben, jede hilft jeder – wir sind Sammler-Freundinnen. Die Sammlerinnen halten nicht nur Kontakt per Telefon, sondern auch per E-Mail und dem klassischen Brief. Denn konventionelle Treffen kann es nicht geben, da die Mitglieder von „Frau und Philatelie“ über ganz Deutschland und darüber hinaus verstreut sind. Sogar in Holland, Australien, Frankreich und Schweden hat der Verein Mitglieder. So entstehen weitreichende soziale Netzwerke.
Die Altersspanne von 25 bis 90 Jahren ist dabei ebenso groß wie die Unterschiedlichkeit der Mitglieder: Schüler, Studenten, Hausfrauen und Berufstätige. Alle sozialen Schichten sind vertreten von der Arbeitslosen bis zur Akademikerin.

Ein weiteres Anliegen des Vereins ist das Zusammentragen der Biographien von Frauen, die auf Briefmarken abgebildet sind. Wir beschäftigen uns mit der Frage: „Wie haben diese Frauen gelebt und was haben sie erlebt?“ Hier ist die Forschung schon ziemlich weit gediehen, wie auf der Website www.frau-und-philatelie.de zu sehen ist.

Unser Ziel ist es, gleichberechtigt als Sammlerinnen in die große Sammlergemeinschaft aufgenommen zu werden, ohne verstecktes Lächeln, ohne Naserümpfen. Denn eigentlich gibt es nur „eine Philatelie“, ganz gleich ob Mann oder Frau.

 

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Künftig wollen wir in der MICHEL-Rundschau regelmäßig auf Frauen in der Philatelie aufmerksam machen. Durch redaktionelle Beiträge und vor allem durch ausführliche Biographien von Frauen, die es auf Postwertzeichen oder in Poststempel geschafft haben.

Christine van Ratingen
Christine Hennings-Kuhlmann

Quelle: Michel-Rundschau 10/2013