Letzte Aktualisierung:
07. 11. 2017

 

Top 150 Briefmarken

 

Hinter jedem alten Brief steckt eine Geschichte

LEIDENSCHAFT Christine Hennings aus Wiesmoor sammelt Postdokumente und Briefmarken vergangener Tage

WIESMOOR – Es ist mittlerweile schon fast 30 Jahre her, als Christine Hennings auf einer Briefmarkenausstellung einem Gespräch zweier Herren lauschte, die sich über Kriegsgefangene unterhielten, als sie sich fragend in die Unterhaltung einmischte, ob es damals nicht auch kriegsgefangene Frauen gegeben hätte. Diese lapidare Frage beschäftigt Christine Hennings noch heute, obwohl sie in den zurückliegenden Jahren bereits auf viele höchstinteressante Antworten gestoßen ist.

Die Wiesmoorerin sammelt Briefmarken und Brief- und Postdokumente aus einer von Krieg geprägten Zeit, die den meisten nur aus Erzählungen bekannt ist. Das Besondere, es sind Briefmarken, auf denen Frauen abgebildet sind, und Kriegsgefangenen- und Interniertenpostdokumente, die belegen, dass es während des Zweiten Weltkrieges auch Frauen gab, die in Gefangenschaft waren. „Es waren allerdings nur wenige. In Russland arbeiteten zwar auch Frauen, nur die wurden damals nicht als Kriegsgefangene betitelt“, erklärte Christine Hennings unserer Zeitung.

chk geschichte

Es gäbe nur wenige alte Briefe und Dokumente, so Hennings, doch gerade diese Tatsache würde das ganze so interessant für sie machen. „Vieles wurde Beiseite geschafft. Es sollte ja keiner wissen, wie schlecht es den Frauen in den Gefangenen- und Arbeitslagern ging“, erklärte die 68-Jährige. Und wenn es ein Brief dann doch zum Empfänger geschafft hatte, dann war der Briefkuvert mitunter mehrmals geöffnet und wieder verschlossen worden. „Die Briefe gingen durch mehrere Zensuren. Und alles, was man nicht lesen sollte, wurde geschwärzt“, sagte die Sammlerin und belegte dies mit Briefpost einer Internierten, also einer Person, die während des Krieges in einem von der Armee verwalteten Lager untergebracht war. Sie wurde in einem Lager in Jamaica gefangen gehalten.

Der an mehreren Stellen geschwärzte Brief ging von dort aus nämlich nicht zur Empfängerin nach Berlin-Charlottenburg. Er wurde im kanadischen Kingston zensiert, von der Zensurstelle in London geöffnet und durchlief schließlich die Auslandsbriefprüfstelle in Berlin. Dies würden mehrere Stempel, Verschlussstreifen und handschriftliche Zahlengruppen belegen, erklärte Christine Hennings. Dass die Post nicht mit einer Briefmarke frankiert, sondern mit einem Stempel versehen war, ließe auf die damalige Papierknappheit schließen, so die Sammlerin.

Als ein ganz besonderes Exponat – Christine Hennings setzt bei ihrer Sammlung auf Klasse statt Masse – bezeichnete sie einen Brief vom 17. Dezember 1943, den eine Japanerin in US-Gefangenschaft an einen Freund, der ebenfalls US-Gefangener war, geschrieben hatte. In einem Kriegslager in Santa Fe (US-Bundesstaat New Mexico) wurde ein Zensurstempel angebracht. „Für Lager dieser Art gab es Bestimmungen, dass jeder Insasse jeweils nur drei Briefe in seinem Besitz haben durfte. Bekamen sie einen vierten Brief, musste einer vernichtet werden. Alleine schon, damit verschlüsselte Informationen in mehreren Briefen aufgeteilt nicht den Empfänger erreichten“, erzählte Christine Hennings. Hinter jedem Dokument und auch hinter jeder Briefmarke stünde nun mal eine Geschichte oder eine Biografie. Und genau das wäre immer wieder aufs Neue reizvoll, sagte die gelernte System-Administratorin, die seit März die erste Vorsitzende des Vereines „Frauen und Philatelie“ ist – eine Gruppe von 60 Frauen aus ganz Deutschland, die die vielfältige philatelistische Vereinslandschaft seit 1986 bereichern.

Der „Briefmarkenverein“ für Frauen kommuniziert meistens übers Internet. Doch einige Mitglieder, da ist sich Hennings sicher, werden sich zwischen dem 28. und 30. Juli in der Turnhalle der Oldenburger Universität treffen. Denn dort wird vom Bund Deutscher Philatelisten und vom Danmarks Filatelist Forbund eine bilaterale Briefmarkenausstellung durchgeführt. Ausrichter ist neben den Briefmarkenfreunden Oldenburg der Nordwestdeutsche Philatelistenverband Elbe-Weser-Ems, in dem Christine Hennings die Aufgaben der Schatzmeisterin wahrnimmt. „Die Ausstellung ist schon jetzt völlig überbucht. Philatelie ist wieder interessant“, ist sich Hennings sicher.

CHRISTIAN BEHRENDS

Quelle: Anzeiger für Harlingerland 5.1.2017