Notapotheke der Welt

Frauen sind neugierig, so sagt man(n)! Philatelistische Frauen jedoch ganz besonders.

In meinem Fall traf das zu, als ich in den frühen 90er Jahren auf einem Brief mit einem Freistempelabschlag ein Logo fand, das mich sehr interessierte. „action medeor – für Menschen, die unsere Hilfe brauchen!“ stand auf dem Umschlag. Dass dieses Logo mein Sammlerleben über viele Jahre – bis heute – verändern sollte, konnte ich noch nicht ahnen. Da ich nur 10 km von einer „action-medeor-Notapotheke“ entfernt wohne, fuhr ich hin.

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Damals war es ein kleines würfelförmiges Gebäude. Im Vorraum ein paar Kartons, einige Pflanzen. Heute ist es Dank eines Testamentes einer großzügigen Dame ein großer, moderner Bau mit Büro, viel Lagerraum und Platz für fast 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Eingangsbereich findet man jetzt geschnitzte afrikanische Kunst, aus (fast) allen afrikanischen Ländern. An der rechten Seite steht eine in mehrere Stämme verzweigte Zimmertanne. Ich kenne sie von klein auf, heute erstreckt sei sich bis zur Decke …

Beim ersten Besuch damals in Tönisvorst begrüßte mich ein junger, freundlicher Mann, welcher heute Präsident des Hilfswerks ist. Er berichtete aus den Anfängen des Hilfswerkes: Um 1964 machte sich ein engagierter Arzt Gedanken darüber, was er mit seinen Ärztemustern für Medikamente anfangen könnte.

Er begann sie zusammen mit Freunden und Mitbürgern zu sammeln und verschickte all diese Medikamente dorthin, wo sie gebraucht wurden. Aus dieser anfänglichen Hilfsaktion entstand – wie so oft – etwas ganz Großes: Die „Notapotheke der Welt“, wie die Organisation heute heißt, ist das größte Arzneimittelhilfswerk in Europa.

Bald kamen aus aller Welt Bittbriefe, da so viele Menschen Hilfe brauchten. Diese Briefe waren bunt frankiert. Oft passten die Marken kaum auf einen Briefumschlag, da in vielen Ländern die Inflation um sich griff. Der Not gehorchend klebte man sie übereinander, 50 Stück keine Seltenheit, wie Dachpfanne auf einem Dach. Aus Indien kamen Briefe, die mangels Briefumschlägen aus einem Jutesack herausgeschnitten und per Hand zusammengenäht, frankiert und abgeschickt worden waren. Die Motive der Marken zeigen farbenprächtige Landschaften, Menschen in ebensolchen Trachten, Landarbeiter bei der Arbeit, töpfernde Frauen, Tiere aller Art.

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Ich bekam viele dieser Umschläge für meine Sammlung; einige enthielten noch Briefe mit Bitten um Hilfe. Allen konnte man nicht helfen, es fehlte an Geld. Auch heute noch sind die Menschen auf Spenden angewiesen, obwohl die Bundesregierung für viel Geld Medikamente anfordert, um bei Katastrophen zu helfen. Aber die Not wird immer größer!

Ich wollte auch mithelfen, und so gründete ich mein eigenes kleines Hilfswerk. Ich verkaufte nun die Bittbrief-Umschläge an Sammlerfreundinnen und -freunde, das Geld spendete ich. Inzwischen hat in der ganzen Welt die Moderne Einzug gehalten: E-Mail, Fax, Freistempel, Briefzentrumsstempel. Fast keine exotischen Briefe mehr mit tollen Abstempelungen – sehr schade, denn gutes Material aus Afrika ist philatelistisch heute sehr gesucht.

Derzeit rufe ich in den regionalen Zeitungen zu Markenspenden aller Art auf, sichte, ordne, verkaufe noch immer und spende das Geld für „unser“ Projekt in Mali und in anderen afrikanischen Ländern. Da ich noch einem Heimatverein angehöre, stehe ich dort auf den Großtauschtagen, verkaufe – und spende.

Und auch in meiner Sammlung schaffe ich Ordnung. Viele Marken liegen „ungenutzt“ in Kistchen, Kästchen, Tütchen und Dublettenalben. Brauche ich von einer Marke wirklich 100 oder mehr Stück? Nein, nicht wenn Menschen in der Welt durch eben diese Marken von Krankheiten wie Malaria geheilt werden können. Eine Behandlung gegen Malaria für ein Kind kostet 1 Euro, und 1000 Schmerztabletten sind für 10 Euro beschaffbar.

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Dieses Jahr feiert die „Notapotheke der Welt“ ihr 50-jähriges Bestehen. Ein klein wenig feiere ich mit, da ich einen jungen Sammlerfreund aus Essen mit dem „Ich-helfe-mit“-Bazillus angesteckt habe.

Christine van Ratingen, Frau & Philatelie

Quelle: Michel-Rundschau 1/2015